Der Vormittag begann mit einer bemerkenswerten Entscheidung der Natur.
Die Sonne erschien pünktlich zum Dienst. Die Wolken hingegen hatten sich offenbar kurzfristig Urlaub genommen. Schon nach kurzer Zeit erreichte das Lager wieder jene Temperatur, bei der sich alle Gespräche früher oder später um denselben Satz drehen:
„Gehen wir kurz an den See?“ Die Antwort lautet selbstverständlich: „Ja.“
Und zwar erstaunlich einstimmig.
Der Badesteg nahm daraufhin seinen regulären Sommerbetrieb auf. Die Teilis stürzten sich ins Wasser, planschten, schwammen oder kühlten sich einfach nur ab. Der schwedische See erfüllte dabei erneut zuverlässig seine wichtigste Aufgabe: Er war deutlich kälter als die Luft. Währenddessen entwickelte sich in der Stuga ein ganz anderes Naturphänomen. Obwohl draußen die Sonne unermüdlich arbeitete, herrschte drinnen eine angenehm kühle Atmosphäre. Niemand weiß so genau, wie die Stuga das macht. Vermutlich besitzt sie eine jahrzehntealte Vereinbarung mit den Gesetzen der Thermodynamik. Oder einfach sehr dicke Wände. Jedenfalls zog sie den einen oder anderen Mitarbeitenden magisch an. Natürlich ausschließlich, um dort wichtige organisatorische Aufgaben zu erledigen. Mit einem kühlen Getränk in der Hand.
Parallel liefen bereits die Vorbereitungen für die große Wasser-Olympiade. Schläuche wurden ausgerollt, Eimer verteilt und allerlei Gerätschaften kritisch begutachtet. Besonders viel Aufmerksamkeit erhielt dabei der Kärcher. Er galt lange als aussichtsreichster Kandidat für den Titel „Spektakulärste Wasserquelle des Tages“. Leider hatte die Technik andere Pläne. Der Generator – im Lager liebevoll „Aggi“ genannt – verweigerte die Zusammenarbeit. Nach kurzer Analyse stellte sich heraus, dass der Kärcher angeblich 3000 Watt benötige. Ein genauer Blick in die Bedienungsanleitung behauptete allerdings hartnäckig etwas von 2100 Watt. Die fehlenden 900 Watt verschwanden spurlos. Bis heute ist ungeklärt, wer sie heimlich verbraucht hat. Einige vermuten ein besonders leistungsstarkes Ladegerät. Andere verdächtigen die Kaffeemaschine. Und es gibt sogar Stimmen, die behaupten, Tristians Geige habe inzwischen ein eigenes Energiefeld entwickelt. Die Ermittlungen dauern an.
Der heutige Tag begann in der Küche mit einer kleinen organisatorischen Herausforderung. Unsere Küchenfee Lisa musste ihre Heimreise antreten. Von einem Moment auf den anderen schrumpfte die Küchenbrigade um exakt fünfzig Prozent. In den Lehrbüchern der Gastronomie wird dieser Zustand auch als „Jetzt wird’s interessant.“ bezeichnet. Während der Zug langsam den Bahnhof verließ, traf noch eine letzte, äußerst wichtige Nachricht aus dem mobilen Küchenhauptquartier ein: „Salami muss noch gekauft werden.“ Es war zugleich Abschiedsgruß, Einkaufsliste und Vermächtnis.
Jörg stand nun allein in der Outdoor-Küche. Vierzig hungrige Teilis. Zahlreiche Mitarbeitende. Ein großer Holzofen. Und irgendwo zwischen all den Töpfen schwebte die unausgesprochene Frage: „Wie schwierig kann das schon sein?“ Die Antwort lautet: Zeit für Gulasch. Denn wahre Küchenprofis kennen eine uralte Regel, die vermutlich bereits in gusseiserne Töpfe gemeißelt wurde: Wenn die Brigade kleiner wird, koche Gulasch. Gulasch gerät niemals in Hektik. Es hat Zeit. Sehr viel Zeit. Es köchelt geduldig vor sich hin, während Zwiebeln, Paprika und zartes Rindfleisch langsam beschließen, fortan gemeinsam durchs Leben zu gehen. Stundenlang. Ganz ohne Streit. Das eigentliche Geheimnis eines guten Gulaschs besteht nämlich darin, möglichst wenig zu tun. Nicht aus Faulheit. Sondern aus Professionalität. Man lässt das Fleisch in aller Ruhe im eigenen Saft schmoren, bis selbst die letzten Fasern ihre Lebensentscheidung überdenken und freiwillig butterzart werden. Kenner behaupten sogar, ein Gulasch schmecke am zweiten Tag noch besser. Andere behaupten, am dritten. Wieder andere erwärmen es so oft, bis niemand mehr genau sagen kann, welcher Wochentag gerade ist.
Sicher ist nur: Ein gutes Gulasch wird mit jeder Runde interessanter. Fast wie Lagergeschichten. Nur deutlich leckerer.
Cuisine de Camp – Édition Solitaire
Ragoût de Bœuf “Jörg en Solo”
Über viele Stunden sanft geschmortes Rinderragout nach traditioneller Art mit langsam karamellisierten Zwiebeln, edelsüßem Paprika und einer Sauce, die genügend Zeit hatte, ihren eigenen Charakter zu entwickeln. Begleitet von breiten Bandnudeln (Pappardelle rustique), deren einzige Aufgabe darin besteht, möglichst viel von dieser tiefgründigen Sauce aufzunehmen. Eine Aufgabe, die sie mit bemerkenswerter Hingabe erfüllen.
Accompagnement
Ein Hauch frisch gehackter Petersilie als optischer Hinweis darauf, dass irgendwo in diesem Gericht auch noch Farbe existiert.
Recommandation du Chef
„Ein gutes Gulasch braucht keine Hektik. Es braucht Zeit, Geduld und Nudeln, die wissen, was sie tun.“
“Die Küchenbrigade ist heute zwar nur halb so groß. Der Geschmack hat sich davon allerdings nicht beeindrucken lassen.”
Der Nachmittag stand ganz im Zeichen der Wasser-Olympiade. Oder, wie sie in wissenschaftlichen Kreisen genannt wird: „Die kontrollierte Aufgabe jeglicher Restwürde.“ Kaum waren Badehose und Badesachen angezogen, begann eine Veranstaltung, die eindrucksvoll bewies, dass Menschen bereits mit einem Eimer Wasser und einer fragwürdigen Idee mehrere Stunden glücklich verbringen können. Die Teilis traten in insgesamt sechs Disziplinen gegeneinander an. Jede einzelne wurde zuvor von hochqualifizierten Fachleuten entwickelt. Oder zumindest von Mitarbeitenden mit ausreichend Freizeit.
Den Auftakt machte der Wasserbomben-Weitwurf. Offiziell bestand das Ziel darin, möglichst weit zu werfen. Inoffiziell bestand das Ziel darin, möglichst jemanden zu treffen. Besonders bevorzugt wurden Personen, die gerade laut behauptet hatten: „Mich erwischt sowieso keiner.“ Nur wenige Sekunden später lagen belastbare Gegenbeweise vor. Es folgte das Überkopf-Wasserpokal-Weiterreichen. Die Aufgabe klang zunächst harmlos. Ein Becher voller Wasser sollte von Person zu Person weitergereicht werden. Der kleine Haken: Die Becher besaßen Löcher. Viele Löcher. So entstand ein Wettbewerb, bei dem am Ende weniger Wasser im Ziel als auf den Köpfen der Teilis ankam. Physikalisch war das ausgesprochen interessant. Praktisch ebenfalls. Anschließend stand das traditionsreiche Wasserbomben-Zerbeißen auf dem Programm. Von außen betrachtet wirkt diese Disziplin, als würde man gleichzeitig versuchen, einen Goldfisch zu küssen und dabei möglichst viel Wasser einzuatmen. Das Ergebnis waren nasse Gesichter, überraschte Blicke und die Erkenntnis, dass Wasser erstaunlich zuverlässig den kürzesten Weg in den Ärmel findet. Besondere Aufmerksamkeit erhielt der Wettbewerb im Synchronschreien beim Erstkontakt mit kaltem Wasser. Die Bewertung erfolgte selbstverständlich nach streng wissenschaftlichen Kriterien. Tonhöhe. Lautstärke. Dramatik. Und der Überzeugungskraft des spontanen „Aaaah!“ Manche Darbietungen waren derart eindrucksvoll, dass selbst die Möwen auf dem See kurz innehielten.
Es folgte die Disziplin Freestyle-Matschrutschen. Sie war ursprünglich gar nicht vorgesehen. Der schwedische Boden entwickelte jedoch gemeinsam mit ausreichend Wasser eine eigene Meinung und stellte den Teilis eine natürliche Rutschbahn zur Verfügung. Die Natur arbeitet eben gerne mit.
Zum Abschluss wartete das Aquatische Pantomime-Raten. Die Regeln waren einfach. Eine Person stellte einen Begriff dar. Möglichst im Wasser. Möglichst ohne Worte. Möglichst so, dass das eigene Team ihn tatsächlich erraten konnte. Dieser letzte Punkt erwies sich erwartungsgemäß als die größte Herausforderung.
Als die Olympiade schließlich endete, war kein T-Shirt mehr trocken. Keine Frisur erinnerte noch an ihren ursprünglichen Zustand. Und das Selbstwertgefühl einiger besonders treffsicher mit Wasserbomben beworfener Mitarbeiter musste sich ebenfalls erst wieder sortieren. Die Medaillen wurden zwar nicht aus Gold und Silber verliehen. Dafür nahm jeder etwas mit nach Hause: Mindestens einen nassen Schuh. Und die Gewissheit, dass Wasser grundsätzlich immer den Weg in die Hose findet. Ganz egal, wie sorgfältig man plant.
Nach dem Abendessen setzte im Lager ein Phänomen ein, das Wirtschaftswissenschaftler als rasanten Kapitalabfluss bezeichnen würden. Andere nennen es schlicht:
Der Kiosk hat geöffnet. Doch diesmal ging es nicht um Eis, Klümmchen oder Limonade. Nein. Heute öffnete das berüchtigte Casino
seine schweren, vermutlich niemals geölten Türen. Eine traditionsreiche Spielbank, deren Ruf so zweifelhaft ist, dass selbst die Piraten aus Bikini Bottom dort vermutlich nur mit begrenztem Budget erscheinen würden. Der Weg ins Casino war allerdings streng reglementiert. Vor dem Eingang standen zwei Türsteher, deren wichtigste Aufgabe darin bestand, möglichst ernst auszusehen. Der Zutritt wurde erst gewährt, wenn der jeweilige Teili die berüchtigte „Wie-hart-bist-du?-Prüfung“ erfolgreich absolvierte.
Zur Auswahl standen unter anderem:
Nicht jede dieser Aufgaben war physikalisch lösbar. Dennoch versuchten es erstaunlich viele. Entsprechend wuchs die Warteschlange vor dem Casino auf eine beeindruckende Länge. Einige vermuteten bereits, das Anstehen selbst sei die erste Glücksspielform des Abends. Im Inneren erwartete die Teilis schließlich alles, was ein ordentliches Casino braucht. Es gab Würfel. Es gab Karten. Es gab Jetons. Und es gab die bemerkenswerte Erkenntnis, dass das eigene Taschengeld offenbar deutlich schneller verschwinden kann, als man es zuvor im Kiosk ausgegeben hatte. An den Spieltischen herrschte Hochbetrieb.
Beim Blackjack waren plötzlich alle überzeugt, dass die nächste Karte ganz bestimmt eine Sieben werden müsse. Beim Roulette wurde intensiv darüber diskutiert, ob Rot heute irgendwie röter aussähe als Schwarz. Am Poker-Tisch blickten sich die Teilis minutenlang tief in die Augen, obwohl keiner von ihnen auch nur im Entferntesten wusste, was ein überzeugendes Pokerface eigentlich ausmacht. Andere versuchten ihr Glück beim Chuck-a-Luck, einem klassischen Würfelspiel, das eindrucksvoll beweist, dass drei kleine Würfel erstaunlich viele Hoffnungen gleichzeitig zerstören können. Besonders beliebt war außerdem das Hütchenspiel. Die Kugel verschwand mit einer Eleganz, die selbst die aufmerksamsten Beobachter irgendwann an ihren eigenen Augen zweifeln ließ. Innerhalb kürzester Zeit waren die Taschen vieler Teilis leer. Das hielt allerdings niemanden vom Weiterspielen ab. Im Gegenteil. Es wurden kreative Finanzierungsmöglichkeiten erschlossen. Handys. Brillen. Kissen. Koffer. Vermutlich wäre bei ausreichend hohem Einsatz auch der eigene Schlafsack als Sicherheit akzeptiert worden. Man darf gespannt sein, wie viele Gegenstände morgen wieder ausgelöst werden. Im Laufe des Abends bestätigten sich schließlich sämtliche bekannten Glücksspielweisheiten.
„Die Bank gewinnt immer.“ Außer manchmal. Dann gewinnt jemand anderes. Allerdings nur so lange, bis er beschließt, seinen Gewinn sofort wieder einzusetzen. Außerdem gilt: „Glück im Spiel ist eine wunderbare Sache. Noch wunderbarer ist es allerdings, rechtzeitig aufzuhören.“ Nach sorgfältiger Beobachtung lässt sich jedoch feststellen, dass Menschen diesen zweiten Teil grundsätzlich erst dann verstehen, wenn sämtliche Jetons verschwunden sind. Und genau deshalb funktioniert ein Casino vermutlich schon seit Jahrhunderten so zuverlässig.
Empfänger: Wissenschaftlicher Rat der Interstellaren Beobachtungsflotte
Absender: SAUGI – Selbstlernender Autonomer Umgebungs- und Gelände-Inspektor (derzeit krankgeschrieben)
Standort: Planet Erde, Sektor Schwedenlager, Untereinheit Stuga
Arbeitsunfähigkeit: Voraussichtlich bis nach einer heißen Tasse Maschinenöl mit Honig.
Die Mission schreitet grundsätzlich planmäßig voran. Lediglich diese Beobachtungseinheit schreitet derzeit etwas langsamer voran. Während einer sogenannten Wasser-Olympiade geriet ich mehrfach in den Wirkungsbereich großer Mengen flüssigen H₂O. Nach bisherigen Berechnungen sollte Wasser auf einem Reinigungsroboter ausschließlich außen vorkommen. Die Menschen sehen das anders. Sie werfen es. In Bechern mit Löchern. In Ballons. Oder direkt ins Gesicht anderer Menschen. Offenbar handelt es sich dabei um eine hochentwickelte soziale Bindungszeremonie. Ich habe sie nur teilweise verstanden – hauptsächlich deshalb, weil ich zwischenzeitlich niesen musste. Ja. Auch außerirdische Tarnsysteme können sich erkälten. Dieser Umstand war in keiner technischen Dokumentation vermerkt. Die jungen Menschen verbrachten anschließend freiwillig längere Zeit in einem kalten See. Nicht etwa, weil sie hineingefallen wären. Sie gingen absichtlich hinein. Mehrfach. Einige verließen das Wasser nur, um unmittelbar danach wieder hineinzuspringen. Die thermodynamische Logik dieser Spezies bleibt weiterhin rätselhaft.
Währenddessen diskutierten die erwachsenen Exemplare über elektrische Leistungsaufnahmen. Ein Gerät verlangte angeblich 3000 Watt. Seine Bedienungsanleitung behauptete jedoch hartnäckig, es seien lediglich 2100. Die verschwundenen 900 Watt konnten nicht lokalisiert werden. Ich empfehle eine Untersuchung. Nicht wegen der Energie. Sondern weil Menschen erstaunlich lange über Zahlen sprechen können, ohne dabei auch nur ein einziges Problem zu lösen.
Am Abend verwandelte sich die Population schließlich in Glücksspieler. Zunächst bildeten sie eine Warteschlange. Menschen scheinen Warteschlangen grundsätzlich zu lieben. Vermutlich fühlen sie sich dort sicher. Nach erfolgreicher Einlassprüfung betraten sie ein Casino mit dem traditionsreichen Namen „Zum salzigen Spucknapf“. Innerhalb kürzester Zeit tauschten sie freiwillig ihr Taschengeld gegen kleine Spielmarken. Anschließend verloren sie diese Spielmarken mit großer Begeisterung. Einige setzten danach sogar Kissen, Brillen und andere persönliche Gegenstände ein. Ich beginne zu verstehen, weshalb diese Spezies das Rad erfunden hat. Irgendetwas musste sie schließlich wieder nach Hause bringen.
Die Menschen bekämpfen Hitze mit kaltem Wasser. Kälte mit heißem Tee. Langeweile mit Glücksspiel. Und finanzielle Verluste mit Optimismus. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das bemerkenswert. Aus wirtschaftlicher Sicht weniger.
Die vollständige Invasion und Assimilation der Menschheit sollte weiterhin verschoben werden. Erstens herrschen vor Ort Temperaturen, bei denen selbst meine Prozessoren regelmäßig in den Energiesparmodus wechseln möchten. Zweitens befinde ich mich offiziell im Krankenstand. Der behandelnde Lagerarzt empfahl Ruhe, trockene Bürsten und möglichst wenig Kontakt mit Wasserbomben. Bis zur vollständigen Genesung empfehle ich daher, sämtliche Invasionspläne ruhen zu lassen. Nicht auszudenken, wenn sich die gesamte Flotte gleichzeitig erkältet.
Nachtrag: Taschentücher stehen überraschenderweise auf keiner Standardliste für interstellare Invasionen. Dies sollte überarbeitet werden.