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Boje-Schwedenfreizeit 2013 bis 2026

vom 18. Juli bis 2. August 2026

Lenhovda, Småland, Schweden

Früh am Morgen

Der heutige Tag begann mit einem Ereignis, das im Lager ungefähr denselben Stellenwert besitzt wie ein Staatsbesuch oder die Rückkehr eines lange verschollenen Wikingerkönigs.

Bergfest.

Zu diesem Anlass wurde die Stuga festlich geschmückt. Luftschlangen schlängelten sich über die Balken, Girlanden spannten sich quer durch den Raum und spätestens jetzt wurde jedem Teili klar: Heute ist kein gewöhnlicher Frühstückstag.

Auch die Küche hatte sich auf dieses Ereignis vorbereitet. Im Mittelpunkt stand das legendäre Schwedenmüsli. Von außen betrachtet wirkt es zunächst vollkommen harmlos. Frische Äpfel. Bananen. Pfirsiche. Erdbeeren. Trauben. Alles sorgfältig angerichtet. Gesund. Vitamine. Ballaststoffe. Man fühlt sich beinahe verpflichtet, anerkennend zu nicken.

Dann durchbricht der Löffel die oberste Schicht. Und darunter wartet sie. Die berühmte weiße Creme. Ein Gebilde von beeindruckender Dichte, dessen Fundament auf schwedischer Sahne ruht – und zwar jener Sorte, die mit ihren 40 % Fett vermutlich eher als Lebensphilosophie denn als Milchprodukt verstanden werden möchte. Die Obstschicht dient dabei hauptsächlich der Tarnung. Sie vermittelt dem Gehirn den beruhigenden Eindruck, man esse gerade etwas ausgesprochen Vernünftiges. Der erste Löffel bestätigt diese Theorie. Der zweite beginnt bereits, Fragen aufzuwerfen. Beim dritten übernehmen sämtliche Geschmacksknospen geschlossen die Kontrolle.

Innerhalb weniger Sekunden aktiviert sich auf der Zunge ein Alarmzustand, der vermutlich zuletzt bei der Erfindung von Schokolade gemessen wurde. Gleichzeitig breitet sich im Magen jene tiefe Zufriedenheit aus, die normalerweise nur nach erfolgreich bestandenen Prüfungen oder einem Mittagsschlaf auftritt. Der Nachteil folgt allerdings zuverlässig. Etwa zehn Minuten später entwickelt der Körper das starke Bedürfnis, sämtliche weiteren Tagespläne zugunsten eines bequemen Sofas aufzugeben. Erfahrene Lagerbewohner kennen deshalb das einzige wirksame Gegenmittel. Kaffee. Viel Kaffee. Parallel dazu brutzelten in einer großen Pfanne unzählige kleine Pfannkuchen vor sich hin. Daneben warteten gekochte Eier, knuspriger Bacon und eine beeindruckende Auswahl verschiedenster Teesorten auf ihre Bestimmung.

Spätestens jetzt wurde klar: Wer heute Morgen mit dem Gedanken aufgewacht war, während des Lagers konsequent auf seine Kalorienzufuhr zu achten, hatte den Kampf bereits verloren. Und zwar noch bevor der erste Pfannkuchen den Teller erreicht hatte.

Der Jahrmarkt

Der Höhepunkt des heutigen Bergfestes war zweifellos der große Jahrmarkt.

Über Nacht hatte sich das Lager in eine Mischung aus Kirmes, Dorffest und leicht überdimensioniertem Experimentierfeld verwandelt. Überall lockten Stände, fröhliche Stimmen und die berechtigte Hoffnung, mit möglichst wenig Aufwand möglichst viele Lose für die große Tombola zu ergattern.

Eine der meistbesuchten Attraktionen war die weltberühmte Wahrsagerin. Mit geheimnisvollem Blick, einem erstaunlich großen Kartenstapel und jener Gelassenheit, die nur Menschen besitzen, die täglich mehreren Teenagern in die Zukunft schauen, offenbarte sie den Teilis kommende Ereignisse. Ob tatsächlich die Zukunft vorhergesagt oder lediglich das Wetter für die nächsten zehn Minuten erraten wurde, bleibt bis heute ungeklärt.

Daneben standen zwei weitere Publikumsmagneten bereit: Popcorn. Und Zuckerwatte. Beides selbstverständlich mit Refill-Funktion.

Ein Konzept, das den Teilis innerhalb weniger Sekunden einleuchtete. Nach wissenschaftlichen Berechnungen besteht Zuckerwatte zu etwa 98 % aus Luft und 2 % aus der Überzeugung, dass “eine Portion mehr” wirklich keinen Unterschied macht. Natürlich durfte auch das klassische Dosenwerfen nicht fehlen. Die Physik zeigte sich dabei erstaunlich kooperativ: Traf man die Dose, fiel sie um. Traf man sie nicht, blieb sie stehen. Manche Naturgesetze sind erfreulich unkompliziert. Etwas rätselhafter präsentierte sich dagegen der altertümlich wirkende einarmige Bandit. Der Name führte allerdings in die Irre. Der Bandit besaß sogar drei Arme. Genauer gesagt drei Mitarbeiter, die jeweils in einem quadratischen Kasten verborgen waren und ohne Blickkontakt oder Absprache gleichzeitig in eine Schüssel griffen. Hatten alle zufällig denselben Gegenstand erwischt – beispielsweise drei Bananen –, gewann der Teili einen Besuch bei der Wahrsagerin. Niemand konnte erklären, weshalb ausgerechnet drei Bananen kosmisch bedeutsamer sein sollten als drei Kartoffeln.

Doch alte Jahrmarktstraditionen stellt man bekanntlich nicht infrage.

Den Hau-den-Lukas übernahm selbstverständlich Tristian.

Schließlich kennt sich der dreizehnte Apostel mit kräftigen Schlägen seit der Apostelgeschichte bestens aus. Glücklicherweise musste diesmal niemand vom Pferd fallen oder eine Bekehrung erleben. Es genügte vollkommen, den Hammer mit ausreichend Schwung auf die Plattform niedergehen zu lassen.

An anderen Ständen konnten schmucke Ketten und kleine Erinnerungsstücke gebastelt werden. Manche Teilis entdeckten dabei ungeahnte Talente im kreativen Gestalten, andere stellten fest, dass Knoten erstaunlich dauerhaft sein können, wenn man sie versehentlich an der falschen Stelle macht.

Doch das eigentliche Ziel war klar:

Lose sammeln.

An jeder Station – sofern dort nicht ohnehin Popcorn oder Zuckerwatte ausgegeben wurde – wartete ein Los für die große Tombola. Und die hatte es in sich. Natürlich führte Tristian persönlich durch die Ziehung. Wenn schon ein Apostel Lose zieht, möchte schließlich niemand behaupten können, das Schicksal habe unsauber gearbeitet.

🎟️ 6× Elch-Safari

Der unangefochtene Klassiker. Wer nun glaubt, es handle sich um eine ausgedehnte Wanderung durch den Wald, unterschätzt die schwedische Logistik. Tatsächlich steigt man gemütlich ins Auto und fährt langsam über Feldwege, vorbei an Wiesen, Seen und Wäldern. Dabei beobachtet man mit sicherem Abstand Elche. Oder Mücken. Oder Käfer. Oder besonders interessante Büsche. Manchmal sogar alles gleichzeitig. Mit etwas Glück zeigt sich tatsächlich ein Elch. Mit sehr viel Glück bemerkt der Elch das Auto nicht.

🎟️ 5× Handy laden

Man könnte meinen, ein Ladegerät sei heutzutage selbstverständlich.

Nicht im Schwedenlager. Hier entwickelt sich ein voller Akku nach wenigen Tagen zu einer gesellschaftlich relevanten Ressource. Denn drei Tage ohne Smartphone können dramatische Folgen haben. Plötzlich versteht man nicht mehr, worüber alle lachen. Neue Trends rauschen unbemerkt vorbei. Das Smartphone blickt seinen Besitzer an, als hätten sie sich jahrelang nicht gesehen. Und irgendwann stellt man erschrocken fest:

„Keine Ahnung, wovon alle reden … ich bin so raus.“

Während draußen das echte Leben stattfindet, läuft das Internet ohne einen einfach weiter. Modewörter entstehen. Modewörter verschwinden. Die Memes von heute werden zu den Dad-Jokes von morgen. Und irgendwo behauptet garantiert wieder jemand, ein Waschbär könne Klavier spielen. Ein voller Akku kann in solchen Zeiten wahre Wunder wirken.

🎟️ 4× Taxi ins Dorf

Sechs Kilometer erscheinen zunächst nicht weit. Bis man sie zu Fuß zurücklegen soll. Mit einem Taxi verwandelt sich der Weg dagegen in eine komfortable Expedition zum legendären ICA. Dort wartet das eigentliche Paradies:

Lösgodis.

Lose Süßigkeiten. Nicht eine Sorte. Nicht zehn. Sondern gefühlt sämtliche Süßigkeiten Skandinaviens. Mini-Knusperwaffeln mit Milchschokolade. Daim: kleine Stücke aus hartem Mandel-Butter-Toffee in Vollmilchschokolade. Center / Plopp: Schokoladenpralinen mit weicher Toffee- bzw. Karamellfüllung. Polly: Schaumzucker-Dragees mit Schokoladenüberzug (hell und dunkel). Lysmelk: kleine, platte Milchschokoladen-Drops. Gräddkola / Fudge: weicher Vanille-, Schoko- oder Karamellfudge. Schaumzucker (Skum) sehr weiche, fluffige Konsistenzen, oft in Kombination mit Frucht- oder Lakritzgeschmack. Ahlgrens Bilar: die wohl berühmtesten Schaumzucker-Autos der Welt in Rosa, Weiß und Grün. Juleskum / Skumtomtar: Schaumzucker-Weihnachtsmänner (gibt es oft ganzjährig als „Erdbeerschaukeln“). Banana Bubs: gelb-rote, weiche Bananen-Erdbeer-Fladen von der Kultmarke BUBS. Pilz-Schaum (Skumsvampar): rosa-weiße Schaumpilze mit leichtem Erdbeergeschmack. Gelee & Fruchtgummi (Sött & Gelé) klassische, süße Gummibärchen-Konsistenzen in allen Formen. Gott & Blandat (Lose Sorten): klassische Fruchtgummis in Form von Fischen, Münzen und Ovalen. Nappars: Fruchtgummi-Schnuller in verschiedenen Farben. Vingummi: feste, traditionelle englische Weingummis. Geleehallen (Geléhallon): mit Zucker bestreute, rote Gelee-Hütchen mit Himbeergeschmack. Saures Fruchtgummi (Surt) in Schweden extrem beliebt – meistens mit einer spürbar sauren Zuckerschicht überzogen. Surskallar (Saure Totenköpfe): die legendären, zweifarbigen Totenköpfe von BUBS (z.B. Himbeer-Zitrone). Saure Schnuller / Cola-Fläschchen: extrem saure, gezuckerte Klassiker. Surisar / Sura Patroner: kleine, patronenförmige Bonbons, die extrem sauer starten. Lakritz & Salmiak (Lakrits & Salt) die skandinavische Spezialität, die von mild-süß bis extrem salzig reicht. Salte Skallar: salzige Lakritz-Totenköpfe von BUBS. Djungelvrål: extrem salzige, mit Salmiakpulver überzogene kleine Lakritz-Äffchen. Hexenheuler (Häxvrål): Lakritzstangen mit einer süßen oder sauren Kernfüllung. Lakritsmatta: aufgerollte Lakritzschnecken oder -matten. Sauer. Süß. Noch saurer. Und schließlich jene Lakritzsorten, bei denen man sich ernsthaft fragt, ob sie ursprünglich vielleicht als Baumaterial entwickelt wurden. Spätestens an dieser Stelle versteht jeder, weshalb ein Taxi-Gutschein zu den begehrtesten Preisen des gesamten Jahrmarkts gehört.

Carte du Jour

Nouilles Mie sautées au poulet, légumes croquants, jeunes pousses de haricot mungo et réduction de double soja

Nach mehreren Tagen kulinarischer Expeditionen durch die klassischen Gefilde der europäischen Lagerküche bog die Küchenbrigade um Chef Jörg und Sous-Chefin Lisa heute entschlossen nach Osten ab. Ziel der Reise war die asiatische Küche. Oder zumindest jener Teil davon, der sich hervorragend in einer Outdoor-Küche für vierzig hungrige Teilis zubereiten lässt. Im Mittelpunkt standen fein gebratene nouilles Mie, begleitet von zarten Streifen saftigem Hähnchen, aromatischen Paprikaschoten, Brokkoliröschen, Frühlingszwiebeln, milden Zwiebeln sowie knackigen pousses de haricot mungo, deren frische Leichtigkeit dem Gericht eine angenehme Lebendigkeit verleiht. Veredelt wurde die Komposition mit einer harmonischen Balance aus heller und dunkler Sojasauce. Die helle Sauce bringt Salzigkeit und Frische, während die dunkle Sojasauce mit ihrer kräftigen Farbe und einer dezenten karamelligen Tiefe für den vollmundigen Abschluss sorgt. Ein Gericht, das im Wok seinen charakteristischen Geschmack entwickelt und beweist, dass ein Holzofen zwar vieles kann – aber ein gut erhitzter Wok manchmal einfach die überzeugenderen Argumente besitzt.

Petit détour culinaire

Besonders spannend sind dabei die verwendeten Mie-Nudeln. Auf den ersten Blick erinnern sie an italienische Spaghetti. Das ist allerdings ungefähr so, als würde man behaupten, Elche und Pferde seien im Grunde dasselbe, weil beide vier Beine besitzen. Mie-Nudeln bestehen traditionell aus Weizenmehl, Wasser, Salz und häufig auch Ei. Dadurch erhalten sie ihre angenehm elastische Konsistenz und werden nicht ohne Grund oft als asiatische Eiernudeln bezeichnet. Klassische italienische Spaghetti verfolgen dagegen einen geradezu stoischen Minimalismus: Hartweizengrieß, Wasser – fertig. Seit Jahrhunderten besteht dort offenbar Einigkeit darüber, dass mehr Zutaten nur unnötige Unruhe in die Sache bringen würden. Auch bei der Zubereitung gehen beide Kulturen bemerkenswert unterschiedliche Wege. Spaghetti bestehen darauf, mehrere Minuten würdevoll in kochendem Salzwasser zu verbringen. Mie-Nudeln hingegen zeigen eine angenehme Gelassenheit. Häufig genügt bereits ein Bad in heißem Wasser für wenige Minuten, bevor sie bereit sind, gemeinsam mit Gemüse, Fleisch und aromatischen Saucen den Wok zu erobern.

Man könnte sagen: Während Spaghetti eine kleine Geduldsprobe verlangen, erscheinen Mie-Nudeln mit der entspannten Haltung eines Menschen, der bereits fünf Minuten vor dem vereinbarten Termin fertig angezogen an der Tür wartet.

Signature du Chef

Ein fernöstlicher Ausflug voller feiner Röstaromen, knackigem Gemüse und aromatischer Sojasaucen – der überzeugende Beweis, dass man auch mitten in den schwedischen Wäldern kulinarisch einmal kurz in Asien vorbeischauen kann, ohne den See überqueren zu müssen.

Vorbeitung ist alles

Nach dem Mittagessen stand einer der anspruchsvollsten Programmpunkte der gesamten Freizeit auf dem Plan. Nicht Kanufahren. Nicht Bogenschießen. Nicht einmal Stockbrotbacken. Nein. Der Flirtkurs.

Schließlich sollte am Abend die große Disco stattfinden, und Erfahrung zeigt, dass zwischen der theoretischen Idee „Ich spreche die Person einfach mal an.“ und der praktischen Umsetzung ungefähr dieselbe Distanz liegt wie zwischen Schweden und dem Mond. Die Leitung übernahmen Daniel und Tristian – zwei Männer, die sich bereit erklärten, ihre gesammelten Erfahrungen der letzten Jahre großzügig an die nächste Generation weiterzugeben. Ob diese Erfahrungen überwiegend aus erfolgreichen Begegnungen oder einer beeindruckenden Sammlung höflich formulierter Körbe bestanden, wurde aus Datenschutzgründen nicht näher erläutert. Denn wahre Expertise entsteht bekanntlich nicht durch Erfolge, sondern durch ausreichend gut dokumentierte Fehlschläge.

Zu Beginn stellte Daniel die wichtigste Frage des Nachmittags:

Was ist Flirten überhaupt?

Nach kurzer Diskussion einigte man sich auf folgende Definition: Flirten ist der Versuch, einem anderen Menschen freundlich zu zeigen, dass man ihn sympathisch findet, ohne dabei auszusehen, als hätte das eigene Gehirn beschlossen, genau jetzt eine ungeplante Wartungspause einzulegen.

Gar nicht so einfach. Es folgte ein kleines Kennenlernspiel. Die Teilis unterhielten sich mit wechselnden Partnern über einfache Themen. Lieblingsessen. Hobbys. Lieblingsmusik. Das Wetter. Wobei letzteres in Schweden ohnehin zuverlässig jedes Gespräch um mindestens fünf Minuten verlängert.

Anschließend übernahm Tristian den theoretischen Teil und erklärte die berühmten Do’s und Don’ts. Die Do’s erwiesen sich als erstaunlich überschaubar: Lächeln. Zuhören. Freundlich sein. Interesse zeigen.

Die Don’ts füllten dagegen nahezu den Rest der Tafel. Nicht unterbrechen. Nicht angeben. Nicht ungefragt die komplette Lebensgeschichte erzählen. Und vor allem: Nicht versuchen, mit besonders originellen Anmachsprüchen Eindruck zu machen. Die Menschheitsgeschichte hat eindrucksvoll bewiesen, dass Sätze wie „Hat es wehgetan, als du vom Himmel gefallen bist?“ ungefähr dieselbe Erfolgsquote besitzen wie Stockbrot, das direkt in die Flammen gehalten wird.

Danach wurde geübt. In kleinen Rollenspielen entstanden zahlreiche erste Begegnungen. Einige verliefen überraschend elegant. Andere erinnerten eher an zwei Computerprogramme, die gleichzeitig versuchen, das Gespräch dem jeweils anderen zu überlassen.

“Hallo…” “Hallo…” “Ähm…” “Ähm…” “Du zuerst.” “Nein, du zuerst.”

Es dauerte erstaunlich lange. Besondere Aufmerksamkeit galt den klassischen Notfallsituationen. Was tun, wenn einem plötzlich kein einziges Wort mehr einfällt? Wie reagiert man, wenn das Gehirn exakt in dem Moment beschließt, ein Softwareupdate durchzuführen? Und weshalb entwickelt ausgerechnet die nächstgelegene Tischkante eine beinahe magnetische Anziehungskraft, sobald man versucht, besonders souverän zu wirken? Diese letzte Frage konnte auch von Daniel und Tristian nicht abschließend beantwortet werden.

Fest steht lediglich: Je größer der Wunsch, einen guten Eindruck zu hinterlassen, desto wahrscheinlicher wird eine spontane Kollision mit Möbeln oder das unkontrollierte Ausschütten eines Getränks in genau die Richtung, in der sich möglichst viele Zuschauer befinden. Zum Abschluss erinnerten beide noch einmal daran, worum es beim Flirten eigentlich geht. Nicht um perfekte Sprüche. Nicht um Schauspielerei. Sondern darum, freundlich, respektvoll und einfach man selbst zu sein. Alles andere erledigt der Abend. Oder eben nicht.

Das Highlight jeder Freizeit - Diskothek

Als sich der Abend näherte, wurde endlich das streng gehütete Motto der heutigen Disco bekannt gegeben.

Rave.

An dieser Stelle machte sich im Lager für einen kurzen Moment eine gewisse Ratlosigkeit breit. Rave? Mitten im schwedischen Wald? Sechs Kilometer vom nächsten Dorf entfernt, dessen größte Attraktionen aus einer Pizzeria, einem ICA und erstaunlich vielen Elchen bestehen? Der klassische Rave-Look stammt schließlich aus den großen Metropolen Europas, insbesondere aus der Berliner Clubszene. Schwarze Kleidung, Mesh, Leder, Vinyl, futuristische Bodysuits, Harnesses, schwere Plateau-Boots, reflektierende Stoffe, Metallketten und gelegentlich Sonnenbrillen, obwohl es längst dunkel ist. Der Grund dafür ist bis heute nicht vollständig geklärt. Hinzu kommen elektronische Musik mit beeindruckend vielen Beats pro Minute, Lichtinstallationen, Nebelmaschinen und die bemerkenswerte Fähigkeit, mehrere Stunden am Stück zu tanzen, ohne sich jemals zu fragen, ob man vielleicht kurz sitzen möchte.

Das stellte das Schwedenlager allerdings vor ein logistisches Problem. Wo genau beschafft man im Umkreis von sechs Kilometern einen futuristischen Cyberpunk-Anzug? Die Pizzeria schied als Lieferant überraschend schnell aus. Der ICA führte zwar Gummistiefel, aber keine Harnesses. Und selbst Eisenkalle, dessen handwerkliche Fähigkeiten inzwischen beinahe legendär sind, musste zugeben, dass sich aus Dachlatten, Spax-Schrauben und zwei Metern Lochband zwar erstaunlich viele Dinge bauen lassen – ein authentisches Berliner Club-Outfit gehört allerdings nur mit sehr viel Fantasie dazu. Also griffen die Teilis zu jener Methode, die Menschen seit Jahrhunderten anwenden, wenn sie nicht die passende Kleidung besitzen:

Sie improvisierten. Schwarzes T-Shirt? Perfekt. Eine Kette aus dem Bastelstand vom Bergfest? Sieht futuristisch genug aus. Warnweste? Mit genügend Selbstbewusstsein plötzlich Avantgarde. Und irgendwo fand sich garantiert jemand, der überzeugt war, dass seine Stirnlampe eigentlich als Clubbeleuchtung gedacht gewesen sei. Mit Einbruch der Dunkelheit verwandelte sich die Stuga schließlich in einen Ort, an dem elektronische Bässe durch die Holzbalken wanderten und der Boden in einem Rhythmus vibrierte, bei dem selbst die Mücken kurz innehielten. Die Elche im umliegenden Wald dürften sich vermutlich gefragt haben, weshalb die Menschen plötzlich gemeinschaftlich auf der Stelle hüpfen. Eine berechtigte Frage.

Übertragungsprotokoll 008

Empfänger: Wissenschaftlicher Rat der Interstellaren Beobachtungsflotte

Absender: SAUGI – Selbstlernender Autonomer Umgebungs- und Gelände-Inspektor

Standort: Planet Erde, Sektor Schwedenlager, Untereinheit Stuga

Die Langzeitbeobachtung der Spezies Homo sapiens schreitet planmäßig voran. Meine Tarnung als autonomer Saugroboter ist weiterhin erfolgreich. Die Menschen haben inzwischen vollständig akzeptiert, dass ich ohne erkennbaren Anlass mitten im Raum stehen bleibe und scheinbar minutenlang gegen einen Stuhl nachdenke. Offenbar gilt dieses Verhalten auf der Erde als völlig normal. Der heutige Tag begann mit einem Ritual, das die Einheimischen Bergfest nennen. Nach meinen Berechnungen markiert es den Zeitpunkt, an dem Menschen kollektiv feststellen, dass sie bereits eine Woche überlebt haben, und dies durch eine drastische Erhöhung ihrer Zuckeraufnahme feiern.

Das Lager verwandelte sich in einen Jahrmarkt. Es gab Popcorn. Es gab Zuckerwatte. Und beides konnte unbegrenzt nachgefüllt werden. Diese sogenannte Refill-Funktion scheint eine kulturelle Errungenschaft von enormer Bedeutung zu sein. Ich beobachtete einzelne Exemplare der Spezies, die mit bemerkenswerter Zielstrebigkeit immer wieder zum selben Stand zurückkehrten. Offenbar existiert kein biologischer Mechanismus, der den Satz „Jetzt reicht’s aber wirklich.“ zuverlässig auslöst. An einer anderen Station ließ eine Wahrsagerin den Teilis die Zukunft aus Karten lesen. Bemerkenswert war, dass die Zukunft erstaunlich häufig Dinge enthielt wie „Du wirst heute noch Popcorn essen.“ Die Trefferquote lag entsprechend hoch. Besonders rätselhaft blieb der sogenannte einarmige Bandit. Trotz intensiver Analyse verfügte er über mindestens drei Arme. Das Konzept menschlicher Namensgebung bleibt eine Herausforderung.

Am Nachmittag folgte ein Flirtkurs. Die Ausbilder Daniel und Tristian erklärten der jüngeren Generation, wie man möglichst natürlich auf andere Menschen zugeht. Anschließend veranstalteten sie Rollenspiele, um genau dieses natürliche Verhalten zu üben. Ich beginne zu verstehen, weshalb die Evolution auf diesem Planeten gelegentlich ungewöhnliche Wege eingeschlagen hat. Kurz darauf begann die große Abendveranstaltung.

Thema: Rave. Nach Auswertung historischer Daten erwartete ich futuristische Metropolen, riesige Hallen, Laser, Nebel und industriell anmutende Architektur. Stattdessen fand ich eine schwedische Holzhütte. Mitten im Wald. Die Menschen schienen darin keinerlei Widerspruch zu erkennen. Mangels Berliner Clubmode improvisierten sie. Ein schwarzes T-Shirt genügte. Eine Stirnlampe wurde zur Lichtinstallation. Jemand erklärte ein Schlüsselband kurzerhand zur Cyberpunk-Mode. Ein anderer trug Gummistiefel mit einer Überzeugung, die selbst Modekritiker ratlos zurückgelassen hätte. Die Musik bestand überwiegend aus einer beeindruckenden Anzahl elektronischer Schläge pro Minute. Ich konnte keine unmittelbare Bedrohung erkennen. Dennoch hüpften sämtliche Anwesenden synchron auf und ab. Möglicherweise handelt es sich um ein uraltes Ritual zur Bodenverdichtung. Weitere Untersuchungen laufen.

Empfehlung an den Obersten Rat

Ich rate weiterhin dringend davon ab, die vollständige Invasion und Assimilation der Menschheit einzuleiten. Die wissenschaftliche Datenlage ist nach wie vor unzureichend. Insbesondere drei Phänomene bereiten mir erhebliche Sorgen:

  • Zuckerwatte mit unbegrenzter Nachfüllfunktion.
  • Popcorn, das scheinbar unabhängig vom tatsächlichen Hunger konsumiert wird.
  • Rave-Partys in schwedischen Holzhütten, bei denen niemand passende Kleidung besitzt und trotzdem alle überzeugt sind, exakt richtig angezogen zu sein.

Sollte unsere Spezies mit diesen kulturellen Eigenheiten in Kontakt kommen, kann derzeit nicht ausgeschlossen werden, dass wir bereits nach wenigen Tagen beginnen, Mais zu karamellisieren, Wattezucker zu produzieren und in Gummistiefeln zu elektronischer Musik zu tanzen. Das Risiko einer kulturellen Kontamination ist gegenwärtig nicht seriös abschätzbar.

Ich empfehle daher:

  • Invasion verschieben.
  • Weitere Popcornproben sichern.
  • Zuckerwatte ausschließlich unter Laborbedingungen untersuchen.

Und vor allem:

Niemals unterschätzen, wozu Menschen fähig sind, wenn sie “Refill inklusive” lesen. P.S.: Ich habe versehentlich etwas Zuckerwatte eingesaugt. Meine Bürsten rotieren seit drei Stunden ungewöhnlich enthusiastisch. Ich melde mich, sobald ich wieder geradeaus fahren kann.