Seit heute weiß das gesamte Lager, dass die schwedische Sprache über eine erstaunliche Anzahl von Wörtern verfügt, um Regen zu beschreiben. regn, duggregn, småregn, störtregn, spöregn, ösregn, skyfall, ruskväder - es gibt Regen, Nieselregen, Sprühregen, feinen Regen, schrägen Regen, unangenehm schrägen Regen, Regen von links, Regen von rechts und vermutlich auch ein eigenes Wort für jene spezielle Form von Regen, die ausschließlich dann einsetzt, wenn man seine Regenjacke gerade im Zelt vergessen hat. Die Schweden scheinen irgendwann beschlossen zu haben, dass es einfacher ist, den Regen sprachlich zu katalogisieren als ihn aufzuhalten.
Für unsere Angelfreunde stellt das selbstverständlich kein Problem dar. Schließlich weiß jeder erfahrene Angler, dass Fische bei Regen besser beißen. Diese Regel wird seit Generationen zuverlässig weitergegeben, obwohl bislang niemand einen belastbaren wissenschaftlichen Nachweis dafür erbringen konnte. Andererseits hat auch noch niemand das Gegenteil bewiesen. Wer weiß also schon, wo sich ein schwedischer Hecht an einem verregneten Tag aufhält? Vielleicht lauert er geduldig im Schilf. Vielleicht beobachtet er die Angler. Wer weiß?
Die Brandungsangel-Expedition mit Jan weit jenseits der bekannten Hotspots könnte man dabei durchaus als geschicktes Ablenkungsmanöver der Küchencrew interpretieren. Denn frisch gefangener Hecht löst erfahrungsgemäß keine unkontrollierten Freudenausbrüche in der Haute Cuisine de la Lager aus. Die Küchenleitung verfolgt daher weiterhin die Strategie, den Fisch möglichst dort zu belassen, wo er niemanden bei der Essensplanung stören kann.
Für alle, die ihre Freizeit lieber trocken als heroisch verbringen wollten, stand die gemütliche Stuga offen. Dort hatte die wohlbekannte Kreativ-AG verschiedene Aktivitäten vorbereitet. Freundschaftsbänder wurden in einer beeindruckenden Vielfalt von Farben, Mustern und Knotentechniken gefertigt. Einige Exemplare wirkten so kompliziert, dass selbst Mathematiker kurz innehielten und nach einem Erklärungsdiagramm fragten.
Außerdem konnten Kerzen individuell gestaltet werden. Dezente Wikingermuster, nordische Ornamente und kreative Interpretationen skandinavischer Kunst wurden mit großer Hingabe auf Wachs übertragen. Der große Vorteil dieser Kunstform besteht darin, dass niemand genau sagen kann, ob ein Muster historisch korrekt oder versehentlich entstanden ist. Beides wird allgemein als künstlerische Freiheit akzeptiert.
Parallel dazu fanden am Nebentisch mehrere Runden Werwolf statt. Die Regeln dieses Spiels sind überraschend einfach: Eine kleine Dorfgemeinschaft versucht herauszufinden, wer heimlich ein Werwolf ist. Dabei beschuldigen sich die Dorfbewohner gegenseitig mit zunehmender Überzeugung, obwohl sie über praktisch keine Informationen verfügen. Die Werwölfe wiederum versuchen unauffällig zu bleiben, indem sie sich genauso verdächtig verhalten wie alle anderen.
Nach kurzer Zeit entwickelt sich daraus eine bemerkenswert realistische Simulation menschlicher Entscheidungsprozesse. Menschen treffen Vermutungen auf Grundlage minimaler Fakten, verteidigen diese mit absoluter Gewissheit und schicken anschließend völlig Unschuldige ihrem Schicksal entgegen. Die Werwölfe müssen währenddessen hauptsächlich verhindern, vor Lachen aufzufallen.
Potage de Lentilles Campagnard aux Saucisses – façon Grand Chef
Ein rustikal interpretierter Potage de lentilles, langsam mijoté und mit größter Sorgfalt aus ausgewählten Linsen komponiert. Begleitet von einer großzügigen garniture paysanne aus fondant gegarten Kartoffeln, feinem poireau, aromatischen Karotten und einer dezenten Note von céleri, die dem Gericht seine elegante Tiefe verleiht.
Abgerundet wird die Komposition durch eine bemerkenswert üppige Portion saucisses artisanales – so zahlreich, dass selbst französische Sterneköche sie vermutlich als “généreusement dosées” bezeichnen würden. Serviert mit rustikalem, ofenfrischem schwedischem Landbrot, dessen Kruste den perfekten Kontrast zur samtigen Konsistenz des Potage bildet.
Dessert
Crème au Chocolat, interprétation nordique
Eine fein ausbalancierte crème au chocolat mit seidiger Textur und intensiven Kakaonoten. Puristisch präsentiert, da wahre Größe keiner überflüssigen Dekoration bedarf.
Recommandation du Chef
Ein Menü von beeindruckender Bodenständigkeit, dessen kalorische Komplexität exakt auf die Bedürfnisse hungriger Lagerbewohner abgestimmt wurde. Besonders empfohlen nach Wanderungen, Sportprogrammen oder jedem anderen Ereignis, das den Energiehaushalt eines Teenagers auch nur geringfügig beansprucht.
Das Abendprogramm stand ganz im Zeichen eines Spiels, das vermutlich jeder kennt und das dennoch jedes Jahr aufs Neue beweist, dass Regeln lediglich unverbindliche Vorschläge sind.
In der Stuga wurden die Teilis in mehrere Gruppen eingeteilt, um gemeinsam Stadt – Land – Fluss zu spielen. Allerdings nicht in der gewöhnlichen Version. Das wäre schließlich viel zu einfach gewesen. Stattdessen kam die streng geheime Växjö–Schweden–Sjö-a-Sjö-Variante zum Einsatz – eine Version, deren Regelwerk vermutlich irgendwann in den Tiefen eines schwedischen Kiefernwaldes entstanden ist und das Lager seitdem unter keinen Umständen verlassen darf.
Die Regeln wurden selbstverständlich ausführlich erklärt. Das half allerdings nur bedingt. Wer sie noch nicht verstanden hatte, war nach der Erklärung genauso schlau wie vorher. Wer glaubte, sie verstanden zu haben, verlor dieses Gefühl meist nach der zweiten Runde wieder. Erstaunlicherweise beeinträchtigte das den Spielspaß überhaupt nicht.
Die Kategorien klangen vertraut, verhielten sich jedoch auffallend eigensinnig. Eine Stadt? Nun ja, es gibt schließlich Växjö. Ein Land? Überraschenderweise Schweden. Ein Fluss? Der entpuppte sich bei genauerem Hinsehen als See. Was in Schweden allerdings kaum jemanden zu überraschen scheint. Man gewinnt den Eindruck, dass dort Gewässer grundsätzlich erst dann einen endgültigen Namen erhalten, wenn sie selbst entschieden haben, was sie einmal werden möchten.
Empfänger: Wissenschaftlicher Rat der Interstellaren Beobachtungsflotte
Absender: SAUGI – Selbstlernender Autonomer Umgebungs- und Gelände-Inspektor
Standort: Planet Erde, Sektor Schwedenlager, Untereinheit Stuga
Die Tarnung ist weiterhin erfolgreich. Ich werde inzwischen gelegentlich gestreichelt. Der wissenschaftliche Nutzen dieses Vorgangs ist noch unklar, scheint den Menschen jedoch ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit zu vermitteln.
Der heutige Forschungstag begann mit einer bemerkenswerten meteorologischen Erkenntnis. Die Einheimischen verfügen über eine erstaunliche Anzahl von Begriffen für Regen. Offenbar hat diese Zivilisation den Niederschlag nicht bekämpft, sondern beschlossen, ihn sprachlich zu katalogisieren. Das wirkt zunächst ungewöhnlich, ist aber vermutlich deutlich energiesparender.
Ein Teil der Testsubjekte zog daraufhin freiwillig mit Angelruten an ein Gewässer, obwohl Wasser bereits in ausreichender Menge von oben zur Verfügung stand. Begründet wurde dies mit der Behauptung, Fische würden bei Regen besser beißen. Beweise wurden keine vorgelegt. Die Fische selbst verweigerten bislang jede Stellungnahme.
Die übrigen Menschen knoteten bunte Fäden zu Armbändern, bemalten Kerzen mit historischen Mustern und waren anschließend außerordentlich stolz auf das Ergebnis. Offenbar dient diese Tätigkeit dazu, den Regen zu ignorieren. Das Verfahren scheint erstaunlich effektiv zu sein.
Später simulierten sie ein Dorf, in dem sich Werwölfe verstecken. Die Spielregeln sehen vor, dass vollkommen Unschuldige aufgrund vager Vermutungen beschuldigt und gemeinschaftlich ausgeschlossen werden. Die eigentlichen Werwölfe gewinnen, wenn sie dabei möglichst überzeugend mitdiskutieren. Ich beginne zu verstehen, weshalb diese Spezies Sitzungen erfunden hat.
Am Abend folgte schließlich ein Wissensspiel mit dem Namen Stadt – Land – Fluss. In der örtlichen Variante existieren jedoch praktisch nur eine Stadt, ein Land und ein Gewässer, das sich trotz eindeutiger physikalischer Eigenschaften beharrlich weigert, ein Fluss zu sein. Dennoch wird das Spiel mit großem Ernst gespielt. Offenbar ist es den Menschen gelungen, selbst geografische Eindeutigkeiten in ein Rätsel zu verwandeln.
Vorläufiges Fazit:
Die Spezies Mensch verbringt verregnete Tage damit, Fische zu suchen, die nicht gefunden werden möchten, Kerzen zu bemalen, die später angezündet werden, und Spiele zu spielen, deren Regeln niemand vollständig versteht.
Ich empfehle daher, die geplante Invasion und vollständige Assimilation der Menschheit noch einmal zu verschieben.
Nicht aus militärischen Gründen. Wir möchten zunächst herausfinden, wie sie es schaffen, dabei trotzdem so viel Spaß zu haben.