Liebe Schwedenfreunde,
peu à peu trudeln die Mitarbeiter des Aufbauteams im Lager ein. Wie jedes Jahr gibt es viele Arbeiten, die erledigt werden müssen, bevor die Teilis ins Lager kommen können:
Bereits im Juni rückte die technische Aufbaugruppe ins Lager ein. Die Mannschaft war ausgewogen besetzt: drei Arbeiter (Chri, Patti und Micha) sowie drei Rentner (Zahli, Uli und Detlef). Gemeinsam quälten sie zwei Autos und einen Anhänger, randvoll beladen mit OSB-Platten, Werkzeugkisten, Angelzubehör, Tischen, Stühlen, Feuerschalen, Teppichen, Konstruktionsholz, Mehl, Farben, Pinseln, Eimern, Schrauben, Teppichkleber, Rasentrimmern, Silikonkartuschen, Kabelbindern, Panzerband, einer Kiste mit Schrauben unbekannter Herkunft, drei angeblich unverzichtbaren Reststücken Holz, die seit Jahren jedes Lager überleben, einem einzelnen linken Arbeitshandschuh, einer Wasserwaage mit ausgeprägtem Eigenwillen sowie mindestens einer Kiste, deren Inhalt bis heute niemand kennt, die aber grundsätzlich zuerst eingeladen und zuletzt ausgeladen wird und eine Rolle Draht, die irgendwann garantiert jedes Problem lösen wird. Nach rund 1.000 Kilometern über Fehmarn und Dänemark erreichte die Karawane schließlich das Lager in Schweden.
Der wichtigste Programmpunkt war die längst überfällige Sanierung der Duschen. Vorausgegangen waren mehrere Planungstreffen, bei denen versucht wurde, aus einer 1.000 Kilometer entfernten Ferndiagnose den Zustand der Wasserinstallation zu bestimmen. Stundenlang wurden Wasserdruck, Leitungsführung und unzählige technische Details diskutiert – vorzugsweise in der historischen Maßeinheit Zoll, die bis heute zuverlässig verhindert, dass man Rohre einfach im Baumarkt kauft. Am Ende entstand eine Materialliste, die entweder vollständig oder zumindest optimistisch war.
Den Großteil der Arbeiten übernahmen Patti und Chri. Dabei wurden sie regelmäßig von kleineren Nebenprojekten unterbrochen, die Bauleiter Zahli während seiner Kontrollgänge über das Gelände mit geübtem Blick entdeckte. Offenbar genügt es, einige Minuten aufmerksam in eine Richtung zu schauen, damit sich von selbst neue Aufgaben ergeben.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die Duschen erhielten einen frischen Anstrich, die Wände wurden mit PVC-Platten verkleidet und vermitteln nun den Eindruck, auch dem nächsten Jahrhundert gewachsen zu sein. Ob sie tatsächlich IP44-zertifiziert sind, wurde zwar nie geprüft – aber sie sehen auf jeden Fall so aus.
Auch die komplette Wasserinstallation wurde erneuert. Warmes Wasser kann nun tatsächlich beide Duschen erreichen – ein Fortschritt, der im Lager nicht selbstverständlich ist. Ganz abgeschlossen ist das Projekt allerdings noch nicht. Wie so oft zeigte sich, dass Theorie und Praxis zwei Welten sind. Zum Glück gibt es im Lager noch eine dritte: Improvisation. Und die funktioniert erfahrungsgemäß erstaunlich zuverlässig.
Jörgs persönliche Großbaustelle war die Stuga. Bevor die schwedische Fensterfirma die neuen Fenster einbauen konnte, sollte zunächst der Holzboden wieder in einen vorzeigbaren Zustand versetzt werden. Zum Einsatz kam eine Einscheibenmaschine – ein Gerät mit ausgeprägtem Eigenleben, das zuverlässig jeden neuen Bediener innerhalb weniger Sekunden quer durch den Raum beförderte und dabei den Eindruck vermittelte, den Arbeitsablauf selbst besser zu kennen.
Erst nach mehreren meditativen Übungen, einer gewissen inneren Gelassenheit und der Erkenntnis, dass man die Maschine nicht besiegen, sondern mit ihr zusammenarbeiten muss, fanden Mensch und Maschine schließlich zueinander. Von da an wurde Bahn für Bahn mit hochwertigen Pflegemitteln bearbeitet, bis der Boden wieder den Glanz ausstrahlte, den man ihm lange nicht mehr zugetraut hatte.
Anschließend wurde der neue Teppich verlegt. Die neuen Tische und Stühle wurden ausgepackt, montiert und sorgfältig in der Stuga arrangiert. Damit ist sie nun bestens vorbereitet, um in wenigen Wochen wieder rund 40 Jugendliche aufzunehmen – die sich vermutlich keine Gedanken darüber machen werden, wie viel Arbeit unter ihren Füßen steckt. So soll es schließlich sein.
Nach Feierabend zog es die jüngeren Mitglieder der Aufbaugruppe regelmäßig auf den See. Das Boot war inzwischen endlich einsatzbereit – nachdem es an den entscheidenden Stellen gleich zweimal repariert werden musste.
Der erste Reparaturversuch scheiterte an einem überraschenden Regenschauer. Der Kleber reagierte darauf mit einer beeindruckenden Arbeitsverweigerung und verwandelte sich in eine zähe, aber vollkommen unklebrige Masse, die sich nur mit viel Geduld und mehreren Spachteln wieder entfernen ließ. Die Reparatur war damit zwar gescheitert, der Erkenntnisgewinn jedoch beachtlich.
Beim zweiten Anlauf wollte niemand dem Wetter noch einmal eine Chance geben. Das Boot wurde vorsorglich unter mehreren Planen versteckt, bis der Kleber endgültig ausgehärtet war. Rückblickend lässt sich sagen: Es war lehrreich. Vor allem für den Kleber.
So konnte das Boot schließlich doch noch in See stechen. Bei angenehmem Wetter und einer leichten Brise – gerade stark genug, damit die Mücken andere Abendpläne schmieden mussten – ging es von Hotspot zu Hotspot. Die Geduld wurde schließlich belohnt: Ein stattlicher Hecht entschied sich, den angebotenen Köder näher zu untersuchen, und ließ sich von seiner Neugier überzeugen. Damit war bewiesen, dass die aufwendige Reparatur des Bootes zumindest aus Sicht der Angler durchaus gerechtfertigt war.
Als die Sonne schließlich hinter den Bäumen verschwand, versammelte sich die Aufbaugruppe vor dem neuen Fernseher. Zur feierlichen Einweihung lief natürlich ein schwedischer Klassiker: Kops.
Der Film erzählt die Geschichte einer Polizeistation in einem verschlafenen schwedischen Dorf, in dem so wenig passiert, dass selbst eine entlaufene Kuh den Einsatz des Tages darstellt. Als die Dienststelle geschlossen werden soll, kommen die Beamten auf die ebenso geniale wie fragwürdige Idee, die Kriminalitätsstatistik kurzerhand selbst etwas anzukurbeln. Dass dieser Plan nicht ganz reibungslos verläuft, versteht sich von selbst.
Die Ähnlichkeiten zwischen den Polizisten im Film und der Aufbaugruppe waren dabei natürlich rein zufällig. Schließlich hatte auch bei uns jeder reichlich zu tun – wenn auch überwiegend mit Duschen, Fußböden und Booten statt mit inszenierten Straftaten. Der Unterhaltungswert war jedenfalls hoch, und spätestens nach dem Film war allen klar, dass Schweden nicht nur schöne Seen, sondern auch einen ganz eigenen Humor besitzt.