Der letzte volle Tag in Schweden – und man merkte es sofort: Plötzlich war jede Aktivität „die letzte Chance“ und jeder Sonnenstrahl so wertvoll wie ein Goldnugget.
Der Vormittag glich einem All-you-can-do-Buffet:
Das Lager summte vor Leben – Gelächter, Planschen, laute Rufe. Man hätte meinen können, hier wird noch eine zweite Freizeit gestartet. Doch eigentlich war es nur die panische Erkenntnis: Morgen ist schon fast vorbei!
Heute auf dem Teller: Kebab de Luxe – zart gegrillte Fleischstreifen (oder was die Küchencrew heldenhaft aus Schweden importiert hat) auf einem Bett aus frischem Fladenbrot.
Dazu:
Sauce Mystère – eine Komposition aus allem, was Zahli in der Vorratskiste fand (geschmacklich irgendwo zwischen Orient und „doch ganz gut“).
Salat Surprise – knackige Vitaminträger, deren Frische erstaunlicherweise nicht von IKEA stammt.
Extra: Schweiß & Stolz – von der Küchencrew Lisa, Katti & Zahli, die unter heroischen Umständen ein kulinarisches Meisterwerk zauberten, während draußen Blaubeerfinger geschwenkt wurden.
Getränkebegleitung:
L’eau de Kanister, gekühlt auf schwedische Außentemperatur.
Chef’s Empfehlung: Nicht zögern, gleich doppelt zuschlagen – morgen gibt’s Burger, Würstchen und Grillfleisch!
Am Nachmittag verwandelte sich das Lager in eine Mischung aus Schrebergartenverein und Konditorei:
Ein würdiger Nachmittag, irgendwo zwischen Naturdoku, Kochshow und Wassersportfinale.
Der große Abschlussabend begann – und wie jedes Jahr stand die Verteilung der Geschenke an. Zuerst waren die Teilis dran: kleine Überraschungen, große Emotionen und mindestens drei „Ohhh“-Chöre in verschiedenen Tonlagen.
Dann die Mitarbeitenden. Traditionell mit selbstgemachten Geschenken bedacht – von filigran bis fragil, von „passt ins Handgepäck“ bis „hoffentlich gibt’s dafür bald einen LKW“. Die Klassiker: bemalte Holzlöffel, kunstvoll verknotete Armbänder und mindestens ein Geschenk, das den Spruch „Die Geste zählt“ in Reinkultur verkörpert.
Und wie immer gab es auch die legendären Spezialanfertigungen:
Ein Moment voller Freude, Dankbarkeit – und der stillen Hoffnung, dass diesmal kein Geschenk noch vor der Heimfahrt auseinanderfällt.
Und dann war es endlich so weit: die legendäre Abschlussdisco! Dieses Jahr unter dem Motto Festival – wobei man ehrlicherweise sagen muss: Nach 15 Tagen Wald war das eigentliche Motto wohl eher Woodstock trifft auf Campingplatz-Hygiene.
Aber bevor irgendjemand überhaupt das Tanzparkett betreten durfte, kam die wichtigste Prüfung des Tages: Duschen. Mit Haare waschen. Vanessa – Heldin der Reinlichkeit – stand bewaffnet mit Stift und strengem Blick neben der Duschhütte und führte eine lückenlose Strichliste. Kein Shampoo, kein Häkchen. Kein Häkchen, kein Discoeinlass. Gerüchteweise sollen manche Teilis versucht haben, die Haare nur unter den Wasserhahn zu halten – Vanessa hat’s natürlich sofort durchschaut.
Dann, frisch gewaschen (manche zum ersten Mal seit der Anreise), wurden aus den Tiefen der Rucksäcke die schönsten Outfits hervorgekramt. „Schön“ war dabei Auslegungssache:
von gebügelten Hemden (die offenbar seit Tag 1 auf ihren Einsatz warteten), über Glitzer-Leggings, die im Wald so fehl am Platz wirkten wie ein Einhorn im Fußballstadion, bis hin zu Pyjamas, die nur mit dem Argument „Festival heißt auch Wohlfühl-Look“ durchgingen. Die Musik dröhnte, die Stimmung kochte, und es wurde getanzt, als gäbe es kein Morgen (was streng genommen stimmte – es gab nur noch Heimfahrt). Zwischen Macarena, Polonäse und einem erstaunlich ernsthaften Walzer-Versuch tobte die Menge barfuß, schuhlos oder mit Socken in verschiedenen Grau-Schattierungen.
Ein unvergesslicher Abend, der das Lager perfekt abrundete – und gleichzeitig der einzige Moment war, an dem wirklich alle Teilis gleichzeitig sauber waren.
Man sagt, Hunde spüren, wenn etwas zu Ende geht. Nun – ich spürte es heute schon beim ersten Gähnen der Zweibeiner: der letzte volle Lagertag. Die Stimmung war ein merkwürdiger Mix aus Endzeitromantik und Restenergie.
Am Vormittag rannten die Teilis noch einmal los, als wäre morgen Schluss (Spoiler: ist es auch). Schwimmen, Blaubeeren jagen, Jugger prügeln oder „sportliche Spiele“ (also Menschen, die so tun, als hätten sie Spaß, während sie schwitzen). Ich beobachtete das Ganze aus sicherer Distanz und fragte mich, warum sie immer wieder ins kalte Wasser springen, wenn doch ein sonniger Schlafplatz so viel sinnvoller wäre.
Mittags dann Kebab – und nein, wieder nichts für mich. Nur der Duft wehte in meine Richtung. Die Küchencrew grinste, ich sabberte, und am Ende bekam ich nicht mal eine fallengelassene Zwiebel. Moralische Überlegenheit hin oder her – mein Magen knurrte lauter als das Jugger-Schlachtfeld.
Am Nachmittag der Höhepunkt der Zweibeiner-Kreativität: Sie bauten ein Hotel für Insekten. Jawohl – nach zwei Wochen im Wald, mit Mücken, Fliegen und Spinnen überall, beschließt der Mensch: Lasst uns denen auch noch Luxuswohnungen bauen! Dazu Blaubeerkuchen. Ich durfte wieder nur zuschauen – und die Reste der Krümel, die keiner essen wollte, vom Boden aufsammeln.
Der Abend dann ganz rührselig: Geschenke für die Mitarbeitenden. Holzlöffel, Schilder, gebastelte Kunstwerke – alles voller Liebe und Kleberesten. Ich persönlich hätte ja einen Beutel Trockenfutter vorgeschlagen, aber man fragt mich ja nie.
Und als Krönung: die Abschiedsdisco. Natürlich erst, nachdem Vanessa höchstpersönlich eine Strichliste geführt hatte, dass auch der letzte stinkende Teili unter die Dusche gezerrt wurde – inklusive Haare waschen. Das war für manche schmerzlicher als der Abschied selbst. Dann tanzten sie, lachten, schrien und sahen für einen Moment fast so glücklich aus wie ich, wenn jemand seine Wurst fallen lässt.
Ich dagegen lag daneben, bewahrte Haltung – irgendwer muss ja hier die Würde hochhalten.
Euer moralischer Leuchtturm im Lager, Fetti 🐾